Informationskampagnen

Bedrohung indigener Gemeinschaften im Amazonasgebiet

Illegaler Landraub, Brandrodungen zur landwirtschaftlichen Nutzung sowie damit einhergehend der Verlust des Lebensraumes indigener Völker: Was für uns in Europa kaum vorstellbar ist, ist in Brasilien bittere Realität.

Das Araibóia ist eines der ältesten Reservate in Brasilien. Es umfasst eine Fläche von 413.000 Hektar in sechs Gemeinden im Staat Maranhão. Schon seit den 1980er Jahren sind illegale Holzfäller in das Gebiet eingedrungen, was zu einem gewalttätigen Konflikt mit der indigenen Bevölkerung führte und die Umwelt zerstörte. Und das, obwohl die brasilianische Regierung Fremden den Zugang zum Wald Caru – einer der Rückzugsorte der Guajajára – offiziell verboten hatte, damit die Lebensgrundlage der Indigenen erhalten bleibt. 90% des Gebietes der Guajajára ist nun von Abholzung, Jagd und Landinvasionen betroffen, was das Volk in seiner Existenz bedroht. So bilden die Guajajára Milizen, um den Wald selbst zu schützen – seit 2015 sind rund 160 Indigene bei Landkonflikten umgekommen.

Und die Reaktion der brasilianischen Regierung? Illegale Landnahmen nehmen unter Brasiliens Präsident Bolsonaro zu und bedrohen indigene Bevölkerungsgruppen in ihrer Existenz.

Innerhalb von acht Monaten wurden 435.000 Hektar Wald vernichtet und damit die Lebensgrundlage indigener Bevölkerungsgruppen und afro-brasilianischer Quilombola-Gemeinschaften zerstört. In den neun Bundesstaaten der Region Amazônia nahmen im Zeitraum von August 2018 bis Juli 2019 die Waldabholzungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30% auf etwa 9.762 km² zu. Zusätzlich zu den Rodungen kommen 89.178 Waldbrände in 2019 – ebenfalls ein Anstieg von 30% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dabei gibt es Beweise dafür, dass die Brände in Zusammenhang standen mit den Interessen der Agrarindustrie, die sich damit Flächen für die Viehzucht verschaffte. Zusätzlich erfolgte dies in einigen Fällen mit geheimer Duldung der Behörden und nach einem einheitlichem Muster: Nachdem ein bestimmtes Waldgebiet ausgesucht und illegal beschlagnahmt wurde, werden Bäume gefällt und abtransportiert, häufig mehrmals hintereinander Brände gelegt, Weidegras angepflanzt und schließlich Rinder auf das Gelände gebracht. So ist es auf dem Land der indigenen Manoki im Bundesstaat Mato Grosso passiert.

Zusätzlich werden die indigenen Bevölkerungen von Personen heimgesucht, die Gold suchen, jagen, fischen oder sich Land aneignen wollen, um Bodenschätze auszubeuten. Das ist von Januar bis November 2019 in mindestens 21 demarkierten Gebieten passiert, in denen indigene Bevölkerungsgruppen in freiwilliger Isolation lebten. So meldeten zum Beispiel die indigenen Bevölkerungsgruppen Karipuna und Uru-Eu-Wau-Wau (Bundesstaat Rondônia) sowie Arara (Bundesstaat Pará) illegale Beschlagnahmungen ihres angestammten Landes.

Nach Angaben des indigenen Missionsrats erhöhte sich die Zahl der Landinvasionen in indigenen Gebieten dramatisch: Wurden 2017 noch 96 Fälle dokumentiert, waren es 2018 bereits 109 und allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2019 schon 160. Es war damit zu rechnen, dass die Zahl der getöteten Indigenen 2019 einen neuen Höchststand erreichen würde, da sie von 2017 auf 2018 schon um 25 auf 135 gestiegen war. Eines der Opfer war der 26-jährige Sprecher der indigenen Gruppe der Guajajára, Paulo Paulino Guajajara, der im November 2019 im Araribóia-Reservat (Bundesstaat Maranhão) getötet wurde. Er war bereits das vierte Todesopfer der Gruppe „Wächter des Waldes“, die etwa 120 Guajajára-Aktivist*innen umfasst, die sich gegen die illegale Abholzung in ihrem Reservat wehren.

Die menschenrechtsfeindliche Politik des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro bezieht sich dabei nicht nur gegen indigene Bevölkerungen, die ihren Lebensraum durch vielfältige Maßnahmen bedroht sehen. Hinzu kommen Umweltkatastrophen im Amazonasgebiet, die indigene Bevölkerungsgruppen, Nachkommen entflohener afrikanischer Sklav*innen (Quilombolas) und andere traditionelle Gemeinschaften unverhältnismäßig stark treffen. Ein Anstieg der Tötungen durch die Polizei, die Behinderung von Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Organisationen und die Bedrohung sowie Tötung von Menschenrechtsverteidiger*innen ist festzustellen. Sämtliche staatliche Stellen traten der gesamten Bandbreite an Menschenrechtsverletzungen dabei nicht entschieden entgegen.

Indigene Völker Brasiliens müssen mit der Angst über Abholzung sowie Rodungen über Landinvasionen bis hin zu Tötungen leben. Ein entschiedener Einsatz dafür betrifft uns alle – nicht zuletzt wegen des Amazonasgebiets als weltweit wichtiges Ökosystem der Erde. So stellen die Abholzungen im Amazonasgebiet „eine äußerst reale Gefahr dar, nicht nur für die Menschenrechte dort lebender indigener und traditioneller Gemeinschaften, sondern auch für das gesamte Ökosystem unseres Planeten“, so Richard Pearshouse, leitender Krisen- und Umweltexperte bei Amnesty International.

Urgent Action:

Am 27. Oktober wurde Bernarda Pesoa, die Sprecherin einer indigenen Qom-Gemeinschaft, von ungefähr neun Personen auf ihrem Gemeindegebiet in Benjamín Aceval tätlich angegriffen. Sie hatte sich zuvor gegen eine Eukalyptus-Plantage auf dem Land der Gemeinschaft ausgesprochen. Die Projektleitung hatte ihr Vorhaben nicht ausreichend mit den indigenen Gemeinschaften konsultiert und nicht deren freie, vorherige und informierte Zustimmung eingeholt.

Setzt euch für Bernarda Pesoa ein!

Hier gibt es außerdem noch mehr Informationen zum Thema.

 

Mehr Informationen:

 

6. November 2020